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Sonntag, 25. September 2005, 10:05

NRW 2007 Abitur-Thema: Fontanes "Irrungen, Wirrungen"



In NRW wird das Abitur im Sommer 2007 in einigen Fächern als Zentralaufgabe gestellt.

Zu den Zielen und Themenvorschlägen, die verbindlich und einheitlich sind, es jedenfalls für die vormalige SPD-Grünen-Kultur-Regierung waren - vgl.:
http://www.learn-line.nrw.de/angebote/ab…h2004-12-21.pdf

Für das Fach Deutsch:
Ein wichtiger Roman als Pflichtpensum im NRW-Zentralabitur-Konzept 2007, als Beispiel für "Realismus":

Theodor Fontanes Gesellschaftsroman "Irrungen, Wirrungen“

Ich verweise auf zwei Textausgaben:
Universal-Bibliothek Nr. 8971
Ullstein Fontane-Bibliothek Bd.12. Ullstein-TaBu 4519)

Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“ - eine »Hurengeschichte« als Pflichtlektüre?

Historisches Zitat:
„Das gefeierte und verurteilte Buch ist nun da und präsentiert sich Dir im beifolgenden. Wirke für dasselbe; daß Münster [in Westfalen, mit Universität, Bischofsbehörden, Regierungspräsident…] die Stätte dafür ist, ist mir freilich nicht wahrscheinlich. Vor acht Tagen war ich noch in Furcht, daß man über das Buch herfallen werde, um es zu verschlingen, aber nicht im guten Sinne; heute schon bin ich in Furcht, daß nicht Huhn nicht Hahn darnach kräht.“
(Fontane persönlich an seinen Sohn Theodor, 17.2.1888. In: Frederick Betz (Hrsg.): Erläuterungen und Dokumente: Theodor Fontane: »Irrungen, Wirrungen«. Stuttgart 1979. RUB 8146. S. 76).

Weitere Bewertung des Romans im Zitat: "In Fortsetzungen angeboten: eine meisterlich erzählte, problemorientierte Momentaufnahme aus Frühjahr und Sommer 1887: „Irrungen, Wirrungen“, mit dem provozierend verallgemeinernden Untertitel „Eine Berliner Alltagsgeschichte“ - Fontanes neuer Roman; er polarisiert die Leserschaft und droht ein Mißerfolg zu werden. Inhalt und Thematik des ‚Skandalbuchs’ werden von den Gegnern auf allzu knappe Formeln gebracht, die Kunstmittel ignoriert oder nur negativ vermerkt. Die literarische Darstellung der »unstandesgemäßen Liebe« und des »Verhältnisses« stößt auf heftige Ablehnung. In den Kreisen der Berliner Vossischen Zeitung fragt man schon beim Vorabdruck ungeduldig nach dem Ende der „grässlichen“ Hurengeschichte« (So die überlieferte Frage eines Mitinhabers Müller an den Chefredakteur Friedrich Stephany. Überliefert durch Carl Wandrey. In: Betz, S. 86).

Die moralische Ablehnung des Stoffes und die Schmähkritik des Romans beruhten auf zwei öffentlich noch nicht akzeptable, deshalb verschwiegene soziale Veränderungen, auf Fakten: Im Bürgertum reagierte man verschnupft auf das Beispiel einer „freien Liebe“. Vom Adel her kam die Missbiligung der „Méssalliance“, der Auflösungserscheinung der privilegiertenständischen Herrschaftsform.

Und das konservativ-ordnungsliebende „Deutsche Literatturblatt“ stellt sich mit seiner Warnung, dieses »Berliner Sittenbild« passe nicht »an den Familientisch des Hauses«(Richard Bürkner: Schöne Litteratur. Deutsches Litteraturblatt; wiedergegeben in: Betz, S. 95) schützend vor jugendliche Leser.

Gut einhundert Jahre später, vor einem veränderten Zeithorizont, sind die Qualitäten des Romans klar erkennbar, wird er entschieden »gefeiert«. Vielfältige wissenschaftliche Untersuchungen liegen vor (selbst das von Fontane als unzuverlässig vermutete Münster hat mittlerweile seinen universitären Beitrag dazu geleistet), und die multimedialen Entwicklungen bieten eine Fülle: von Zugangs- und Kontextuierungsmöglichkeiten für unterschiedliche Lesergruppen in und außerhalb von Schule oder Universität. Der vorbeugende Jugendschutz ist gezielter Leseförderung gewichen.
Daß „Irrungen, Wirrungen“ im Schnittpunkt literarischer und historischer Perspektiven auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts steht, macht den Roman für fächerverbindende und projektorientierte Unterrichtsformen in der Oberstufe interessant.
Auch in Querschnitt-Themen wie etwa »Säkularisierung und Technisierung«, »Individuum und Gesellschaft« oder »Berlin/Stadtentwicklung« läßt sich durch „Irrungen, Wirrungen“ eine wichtige Station der historischen, politischen und sozialen Entwicklung kennzeichnen.

Den Lernzielen des Deutschunterrichts wird der Roman als exemplarische Einführung in die Epoche des »Poetischen Realismus«, in den Romantyp des »Zeit- und Gesellschaftsromans« sowie in die »personale Erzählsituation« gerecht.
Eine Herausforderung für Lehrer und Schüler - und eine Möglichkeit: zur Selbstfindung des Jugendlichen, der familiären und ständischen oder sozialschichtspezfischen Anschauungen - sind die kritischen Fragen des Textes nach dem Glück, nach der Bewältigung von Orientierungskrisen, der Ambivalenz und Interaktion von Rollen und Normen und nach dem adäquat diskursiven Umgang mit der Sprache und den Sozialerfahrungen - den Erwartungen und Projektionen - dem Glück in Liebe und erotischen Hoffnungen - und seinen Störungen.
(Ergänzt nach: A. Hagemann. In: Lehrpraktische Analysen. 24. Folge. Reclam Nr. 900624)

*

Hinweise:

Romananalyse von Walter Hettche: „Irrungen. Wirrungen“. Sprachbewußtsein und Menschlichkeit: Die Sehnsucht nach den „einfachen Formen“. (In: Fontanes Novellen und Romane. RUB 8416. S. 136 – 156)
*
Ein guter Überblick zum Roman und zum Autor:
http://www.landshut.org/members/msagerer/f_irrungen.htm

*

Zum Thema Realismus:

http://www2.vol.at/borgschoren/lh/lh2a.htm
Aufklärung ist ... keine Spaziergang; sondern Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Antoninus« (25. September 2005, 10:07)


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